Schloss Simmelsdorf

Das Schloss kann ganzjährig ab einer Gruppengröße von 10 Personen besichtigt werden. Anmeldungen unter +49 911 95692224 und mit elektronischer Post an office(a)tucher-kulturstiftung.de


 

Das Simmelsdorfer Tucherschloss entsprach einst in idealtypischer Weise einem so genannten Weiherhaus: das wohnturmartige Hauptgebäude lag inmitten einer Weiher-Graben-Anlage, die erst im 19. Jahrhundert dem Landschaftsgarten weichen musste. Die Erbauungszeit wird nicht überliefert; Gustav Voit nennt Dietrich III. von Wildenstein, der 1350 eine Gült aus einem Gut zu Simmelsdorf an das Kloster Michelfeld für seinen Jahrtag stiftete und danach nicht mehr erwähnt wird, als Bauherrn, doch lässt sich diese Vermutung nicht belegen. Ein erster Hinweis erscheint aber für 1352, als sich ein Ulrich Neidung nach Simmelsdorf nannte. 1360 wurden dieser und sein Bruder Fritz mit der Burg Rothenberg von Heinrich XI. von Wildenstein an Kaiser Karl IV. übergeben [vgl. Rothenberg] und sind daher für 1366/68 als Eigenleute der Krone Böhmen bezeugt. Das Geschlecht der Neidunge, die sich je nach Dienstsitz nach verschiedenen Burgen nannten, findet sich aber auch unter Nürnberger Bürgern und Montanunternehmern der Region [vgl. Diepoltsdorf I, Hiltpoltstein, Winterstein].

Nach 1368 gelangten die Türriegel von Riegelstein auf unbekanntem Wege, vielleicht durch eine Heirat, an den Simmelsdorfer Sitz. Immerhin verfügte der Rothenberger Burghüter Dietrich Türriegel 1379 auch über andere Grundstücke aus dem Vermögen der Neidunge. 1417 erhielt Heinrich IV. Türriegel von König Sigmund die Lehen zu Simmelsdorf. 1430 bekam sein Bruder Georg vom König die Erlaubnis, die Heimsteuer seiner Frau auf seinem Reichslehen Simmelsdorf zu versichern. Ob sich diese Nachrichten auf den Sitz beziehen, ist unklar, denn fortan erscheint dieser als böhmisches Lehen, so bei der Belehnung Werner Türriegels 1454 durch König Ladislaus von Böhmen. Zumindest die hölzernen Konstruktionen des Weiherhauses, die auf einem Sockelgeschoss aus Kalkbruchstein ruhen, sind in den Jahren 1445 bis 1455 grundlegend erneuert worden, wie eine dendrochronologische Analyse 1990 ergab. Es könnte sich wenigstens zum Teil um eine Instandsetzung von Kriegsschäden gehandelt haben, denn nach dem Bericht des Nürnberger Kriegshauptmanns Erhart Schürstab brannten seine Söldner 1450 auch das Dorf Simmelsdorf nieder. Ob davon auch der durch die Weiheranlage geschützte Sitz betroffen wurde, ist nicht bekannt.

Im Jahr 1500 fand unter den Brüdern Heinrich, Hans und Conz Türriegel eine Erbteilung statt. Erhebliche Schulden zwangen Hans und Conz bald darauf, ihren Simmelsdorfer Besitz zu verkaufen. Von seinem Schwager Conz Türriegel erwarb Sixt von Seckendorff 1504 zunächst einen halben Teil. Die Verkaufsurkunde vom 15. März 1504 überliefert erstmals eine wehrhaft ausgebaute Anlage mit Türmen, Zwinger, Wassergraben und Torhäusern. 1506 übernahm Seckendorff dann auch die Hälfte des tragisch verstorbenen Hans Türriegel, der 1504 zu den Verteidigern der Festung Kufstein gezählt haben soll, die nach deren Einnahme auf Befehl Kaiser Maximilians mit dem Schwert hingerichtet wurden.

Das Simmelsdorfer Schloss blieb nun für Jahrzehnte bei den Seckendorffern: 1517 folgte Caspar, wie sein Vater Sixt markgräflicher Amtmann zu Schönberg, um 1523 sein Bruder Lorenz. Dessen Nachfahren Hans und Georg von Seckendorff hinterließen erhebliche Schulden, sodass deren Witwen, Töchter des Conz III. Türriegel, 1570 und 1572 die beiden Besitzhälften an Werner II. Türriegel, Pfleger des pfälzischen Amtes Hartenstein, veräußern mussten. Wiederum Schulden zwangen Georg Michael Türriegel, der Simmelsdorf nach einer Erbteilung erhalten hatte, 1594 dazu, mit der Familie Tucher in Kaufverhandlungen zu treten. Erst nach langwierigen, zum Teil gewalttätig geführten Auseinandersetzungen mit der Ganerbenherrschaft Rothenberg, die sogar zur Inhaftierung Türriegels und zur kurzzeitigen Besetzung des Schlosses geführt hatten, gelang es dem Nürnberger Geschlecht 1598, das Rittergut Simmelsdorf für die Dr. Lorenz Tucher-Stiftung zu erwerben. Der Einspruch der Kurpfalz, die die Lehnsherrschaft über den Rothenberg beanspruchte, verzögerte dann nochmals die Tuchersche Inbesitznahme. Erst die Anerkennung des Kurfürsten Friedrich IV. von der Pfalz als Landesherrn und die Verpflichtung der Tucher als pfälzische Landsassen machten den Weg für die Tucher-Stiftung frei. Im Februar 1607 wurde das mittlerweile erheblich renovierungsbedürftige Schloss den Stiftungsadministratoren übergeben. Unter der Leitung des Endres VI. Tucher (1551–1630) wurde der Sitz vom Frühjahr 1607 an in Stand gesetzt.

Zwar sorgte die Dr. Lorenz Tucher’sche Stiftung über alle Jahrhunderte hinweg kontinuierlich für den Bauunterhalt, doch verlor das Schloss sein mittelalterliches Erscheinungsbild, das durch eine um 1677 (nicht um 1650) entstandene Radierung vermutlich nach einer Vorlage von Johann Keill (1642–1719) überliefert ist, erst nach 1830. Zunächst wurde die Weiher-Graben-Anlage trockengelegt und aufgefüllt, damit man um die Mitte des 19. Jahrhunderts einen Landschaftsgarten im englischen Stil anlegen konnte. Zur Planung des Gartens holte die Familie Tucher keinen Geringeren als Carl Eduard von Pezold (1815–1891). Pezold war erster Schüler von Hermann Fürst von Pückler-Muskau, der in Bad Muskau und Branitz zwei der weltweit großartigsten Landschaftsgärten geschaffen hatte. Pezold übernahm seinerzeit als Gartendirektor die Weiterentwicklung des Muskauer Parks und zählte zu den berühmtesten Landschaftsarchitekten, die sich in Europa dem Englischen Garten verschrieben hatten. Bei dieser Maßnahme verschwanden die hölzernen Brückenanlagen, die, teils gedeckt, teils als Zugbrücken ausgeführt, den Zugang zum Vorhof, der selbst in Insellage stand, und zum Herrenhaus gewährten.

Um 1845/48 veränderte man auch das Herrenhaus. Der Umbau erfolgte angeblich nach Entwürfen des vormaligen Nürnberger Stadtbauinspektors Leonhard Schmidtner (1799–1873), seit 1837/38 Zivilbauinspektor in Passau und Landshut, und brachte die vier markanten Ecktürmchen sowie an der Nordwestseite einen historisierenden, achteckigen Treppenturm hervor. Das Balkenwerk für die Ecktürmchen soll von der ab 1838 aufgelassenen Festung Rothenberg stammen; damals hatte man von dort alles leicht verwertbare Baumaterial (Dachziegel und -rinnen, Dach- und Deckenbalken usw.) verkauft. Die Schlossanlage in Simmelsdorf gehört heute noch der Dr. Lorenz Tucher’schen Stiftung.